„Pechmarie“ oder auch „Bad Luck“ wären bestimmt die geeigneteren Namen für unser Schiff gewesen

Bis Sonntag hatten wir gewartet auf die richtige Windstärke und die richtige Windrichtung, damit wir in ca. 24 Stunden unsere Lieblingsinsel Escudo de Veraguas für einen Zwischenstop auf dem Weg nach Bocas del Toro erreichen können. Und die Fahrt fängt gut, kurz vor Mittag erreichen wir das Verkehrstrennungsgebiet vor dem Eingang zum Panamakanal. (Für Nichtsegler: Ein Verkehrstrennungsgebiet sind Einbahnstraßen auf dem Wasser, damit sich die ganzen Containerschiffe, Tanker und Kreuzfahrtschiffe nicht in die Quere kommen, wenn sie, wie hier z.B., auf einen Engpass wie die Panamakanalzufahrt zufahren. )

Wenn man diese Gebiete überqueren muss, soll (muss) man dies eigentlich in einem 90°Winkel machen, was unter „Segel“ meist nicht einfach ist. Wir schaffen es nicht ganz und schnippel ein wenig, was jedoch auch kein Problem ist, denn diese Einbahnstraßen sind, auch wenn es auf dem Foto nicht so erkennbar ist, sehr breit. Die dicken Pötte haben genug Platz und könnten einem Mini-Segler ausweichen.

Von rechts nach links: Der dünne lila Strich ist unsere gewünschte Kurslinie, der Gelbe unser Gefahrene. Man achte auf der linken Seite auf gelbe Linie, die da im ZickZack verläuft.

Trotzdem ist das Queren eines solchen Gebietes immer mit Aufregung und Anspannung meinerseits verbunden. Die letzte Einbahnstraße links ist wenig bzw. zu dem Zeitpunkt gar nicht befahren und so verabschiede ich mit mit der Bemerkung, mich mal kurz hinzulegen. Kaum bin ich unten angekommen, passiert innerhalb 5 Sekunden mehreres gleichzeitig. Es gibt ein komisches Geräusch und das Segel fängt an zu schlagen, was soviel heißt wie „das Schiff läuft aus dem Kurs“ und der Skipper schreit von oben, ich soll s o f o r t zurück kommen. Adrenalin schießt nach oben. Auf dem Weg an mir vorbei höre ich noch was von wegen „Kette gerissen“. Okay…. Adrenalin sinkt wieder…. Das kommt mir bekannt vor, Kette gerissen heißt, der Autopilot funktioniert nicht mehr, das Problem hatten wir vor ca. 2 Jahren ja schon mal auf dem Weg nach Jamaika. Unschön, aber nicht gefährlich! Ich gehe also ans Steuerrad, nehme den Autopiloten raus und will das Schiff per Handsteuerung wieder auf Kurs bringen. Äh… ich drücke noch ein paar Mal auf div. Tasten und nichts passiert. Das Steuerrad in meinen Händen schwabbelt nach rechts, nach links und hat überhaupt keine Wirkung mehr. Da dämmert es und gleichzeitig kommt von Frank die Bestätigung, wir haben zwei Ketten und diesmal ist nun die der Steuerung gerissen. Der Adrenalinspiegel schießt wieder in die Höhe : wir sind manovierunfähig – einer meiner Segleralbträume ist wahr geworden. Starr vor Schreck wie ein erschrecktes Kaninchen stehe ich da und während ich mich noch frage was nun, befördert Frank aus den Tiefen der Bagskiste bereits unsere Notpinne heraus. Richtig, da hing doch immer dieses silberne Ding an der Wand, von dem ich nicht dachte, dass wir das je benutzten müssen.

(Für Nichtsegler: Was ist eigentlich eine (Not-)Pinne? Wenn ihr jetzt mal diese kleinen Jollen auf Seen vor Augen habt, auf denen am Heck ein Segler sitzt mit so was ähnlichem wie ein Stock in der Hand, den er hin und her drückt… das ist eine Pinne. Viele ältere und etwas kleinere Segelyachten haben auch heute noch eine Pinnensteuerung, wir jedoch steuern unser Schiff mit einem großen Steuerrad)

Wir haben nicht nur Wind, wir haben auch ziemlich große Wellen. Und da wir nicht gegensteuern können, wird die 2wishes zum Spielball dieser 3-5 m hohen Wellen. Heißt, wir werden hin und her geschmiessen und so brauchen wir gut 1 Stunde, um diese Notpinne überhaupt montiert zu bekommen. Schrauben müssen gesucht werden, Schrauben passen nicht, Schrauben fallen runter….

Ein weiteres Problem ist, wir haben ein Mittelcockpit und können somit hinten am Heck, wo diese Notpinne jetzt montiert ist, nicht sitzen. Jedenfalls nicht in Fahrtrichtung und so sitzt Frank entgegengesetzt und steuert gemäß meinen Kommandos mal nach Steuerbord, mal nach Backbord. Zuviel!! Mehr nach rechts!! Nein, wieder zurück! Und so drehen wir Kreise um Kreise. S0 wird das nix. Noch immer sind wir in einer dieser Einbahnstraßen des Verkehrstrennungsgebietes und haben wirklich verdammt viel Glück, dass sich die großen Pötte hier gerade nicht die Klinke in die Hand geben und uns beim Kreise drehen nicht stören🤔

Ich weiß nicht, wie eine Notpinne von einem Yachthersteller, der (fast) nur Mittelcockpitjachten wie z.B. Halberg Rassy baut, aussieht, aber Bavaria hat sich fuer die 4 Jahre, wo sie die Oceans gebaut hat, diesbezüglich keine Gedanken gemacht und ihre Standardpinnen dazu gelegt. Vielen Dank dafür! 😠

Dann hat Frank aber die Idee, diese Pinne mittels unseres Bootshakens zu verlängern, so dass wir anschließend das Schiff vom Cockpit aus in Fahrtrichtung sitzend steuern können. Wieder eine Hürde genommen.

Ein weiteres Problem ist, wir haben noch n i e m a l s eine Pinne in der Hand gehabt. Ein Schiff damit zu steuern ist nicht einfach. Wenn man nach rechts will, muss man die Pinne nach links ziehen und nach rechts, wenn man nach links. Also komplett anders als beim Steuerrad eines Schiffes oder auch eines Autos. Das ist äußerst gewohnheitsbedürftig und wir brauchen über eine Stunde, bis wir es einigermaßen im Griff haben. Wenn ihr nochmal auf das obere Bild schaut, die gelbe ZickZack- Linie links ist unsere Übungsstrecke 😥

Nachdem wir also die 2wishes wieder unter Kontrolle haben, schauen wir uns beide an und Frankt sagt: Das war´s, oder? Wir hören endgültig auf mit dem Scheixx… und ich stimme ihm zu voll und ganz!!!

Nun haben wir aber erstmal 3 Möglichkeiten:

gegen Wind und Welle zurück zur Linton Bay, was wir aber im Hellen nicht mehr schaffen würden

in die nahe gelegene Shelter Bay Marina zu gehen – dazu müßten wir jedoch den in der engen Zufahrt zum Kanal rein und raus kommenden Riesenpötten ausweichen können, ohne uns zu versteuern und unter Pinne das Schiff einparken… nein, das traut sich der Skipper erst recht nicht zu

und so entschließen wir uns – Augen zu und durch – wir fahren weiter bis zu der uns bekannten Insel, wo wir vor Anker prüfen können, was und ob wir reparieren können.

Apropo“Augen zu“ – Hahahaha – das wird natürlich nix vorerst. Die Notpinne ist wabbelig, den exakten Kurs halten ist äußerst schwierig und sobald man mal an etwas anderes nur denkt, anstatt auf den Kompasskurs zu schauen, zack, fahren wir Richtung Jamaika statt nach Bocas. Länger als 1 Stunde halten wir es kaum aus und in dem Rhytmus wechseln wir uns dann auch ab. Zwar legt man sich in den Pausen hin, aber durch die Anspannung kann man natürlich auch nicht sofort einschlafen und so kommen wir in dieser Nacht jeder nur so auf 1 1/2 Stunden Schlaf insgesamt.

Ausgerechnete Ankunftszeit war ca. 9.00 – 10.00 Uhr, aber da wir mit der Montage der Notpinne sowie mit dem Üben gut 3 Stunden verloren hatten und auch der Wind nachts einschlief, fiel der Anker vor Escudo de Veraguas erst gegen 16.00 Uhr. Völlig übermüdet und ausgetrocknet 😉 genossen wir das Ankerbierchen. Große Lust hätte ich, ein Flasche Sekt zu köpfen, leider ist keiner an Bord. Anschließend räumen wir das Chaos unter Deck auf. Es ist unglaublich, was eine solche Fahrt für ein Chaos anrichten kann. Nach einem weiteren Bierchen, einem schnell gekochten Abendessen und einer kleinen Serie fallen wir um 20.00 Uhr in die Koje und in den Tiefschlaf….

Und Morgen schaun wir mal, falsch formuliert…

Und Morgen schaut Frank mal, ob er was reparieren kann

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